Public Viewing

Die Geschichte gewann den 1. Platz in der Kategorie "Mein Karlsruhe" im Autorika-Schreibwettbewerb 2012. Nachzulesen in "Salz auf den Lippen" 1. Auflage 2012.

Ich bin der absolute Antifan. Ich kann nicht verstehen, dass sich Menschen zusammenrotten zu stinkenden, laut schreienden Haufen, um 22 Männern und einem Fetzen Leder hinterher zu gieren, wie wenn es um ihr Leben ginge.

Ich kann nicht glauben, dass sich Abertausende in Stadien einfinden, um gemeinsam auf zwei, drei Leinwänden einer Realität nachzueifern, die sich Hunderte Kilometer weit entfernt abspielt. Sie schreien und pfeifen, sie tanzen vor zwei blinden Wänden. Public Viewing nennen sie das. Wieder so eine Bewegung, die über den Teich geschwappt ist und samt dem Begriff dankbar von uns aufgenommen wurde.

Es ist Europameisterschaft in Österreich und dank der 22 Herren und dem Lederfetzen kann ich heute mit meinem Rad freihändig mitten auf der sonst stark befahrenen Brauerstraße fahren. Weil ich durstig bin, radle ich hinüber zum ZKM-Kino. Schon von weitem höre ich das massenhafte Getöse, plötzlich anschwillend wie eine aufschäumende Welle um kurz darauf abrupt zu verstummen. Also wird auch hier öffentlich geschaut.

Public Viewing: die Erste.
Ich habe einen Sitzplatz ergattert auf einer Bierbank neben einem Dicken, dessen Deutschlandtrikot den massigen Hängebauch nicht vollständig abdecken kann. Ein hagerer Mittvierziger zu meiner Rechten trägt eine Brille, die schwarz-rot-gold bemalt ist. Ich weiß nicht, ob er irgendetwas erkennen kann. Bald wird klar, warum gerade dieser Platz noch frei war. Ein großer Mast, der die Dachkonstruktion des Kinos trägt, verdeckt fast die gesamte Sicht auf die Leinwand. Mir kann es egal sein. Ich kann damit leben. Ich bin weder Fan noch ernsthaft daran interessiert, was sich auf den wenigen Quadratmetern Leinwand abspielt. Ich bin durstig und möchte die Leute beobachten. Und wenn der Liter Bier seiner Bestimmung zugeführt ist, werde ich die Veranstaltung verlassen und endlich wissen, worüber ich bisher nur gelesen oder andere reden gehört habe.

Public Viewing: die Zweite.
Die Masse gerät plötzlich außer sich. Es hat eine rote Karte gegeben. Allerdings nicht für einen Spieler, sondern für den deutschen Trainer. Nach kurzen Verhandlungsversuchen muss er auf die Tribüne. Ich habe zwar nicht gesehen, was er sich zu Schulden kommen ließ. Aber es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, wie ich den massenhaften Reaktionen entnehmen kann. „Korinthenkacker“, ruft der Hagere mit der Nationalfarben-Brille. „So ein Arschloch“, brüllt der Dicke nach vorne. „Du kannst nach Hause gehen“, stimmt die Menge - fast wie abgesprochen - an. Der Dicke erklärt mir, warum die Deutschen jetzt entscheidend im Nachteil sind. Mein Kopf wehrt sich gegen seine Verschwörungstheorien, mein Bauch stimmt ihm zu. „Alles wird gut.“ Mehr fällt mir dazu nicht ein. Dann hauen wir unsere Krüge so fest aneinander, dass eine Menge Bier überschwappt. Ich versuche jetzt trotz des dämlichen Pfeilers, mehr vom Spiel mitzubekommen. Die Deutschen wollen die Ungerechtigkeit rächen und legen sich mächtig ins Zeug. Das Spiel gewinnt an Fahrt. Die Meute vor der Leinwand auch.

Public Viewing: die Dritte.
Eine erste Welle ist vollständig durchs Publikum gegangen. Ich hasse Wellen. Eigentlich. Aber heute, jetzt vor dieser Wand und in dieser Spielphase macht es Sinn. Die Deutschen brauchen ein Tor. Jetzt, wo die Wut noch greifbar ist. Sie müssen diesen Schub nutzen. Das Spiel drehen. Vielleicht sogar vorzeitig entscheiden. Arme gehen massenhaft nach vorne, Hände winken und dann ein Aufschrei, die Welle hat uns erreicht. Wir, der Dicke, der Bebrillte und ich sind aufgestanden. Irgendwie werden sie es mitbekommen. Unsere Mannen müssen es einfach spüren, wie sie zuhause vor den Wänden unterstützt werden. Die Wellen wollen gar kein Ende nehmen. Ich habe ein zweites Bier bestellt. Meinen Nachbarn habe ich natürlich eines spendiert. Der Dicke hat mich „einen guten Freund“ genannt. Der Hagere hat, was nicht auf seiner Hose landete, in einem Zug weggetrunken.

Public Viewing: die Vierte.
Ein Tor ist gefallen. Es ist unglaublich, was plötzlich hier los ist. Menschen liegen sich in den Armen. Kollektives Aufschreien. „Tor! Tor!“ Ich halte die Faust in die Luft gestreckt und schreie, so laut es nur möglich ist. Der Hagere mit der Deutschlandbrille umarmt mich. „Ich habs gewusst! Ich habs gewusst!“ Er fängt einen kleinen Tanz mit mir an, was ich mir gerne gefallen lasse. Die Bierbank ist umgefallen, aber wen stört das in so einem Augenblick? Wildfremde Menschen tanzen miteinander. Es bildet sich eine Reihe von Leuten, die im gleichen Rhythmus zu hüpfen beginnen. Ich mittendrin. Das Tor ist eine Befreiung in jeder Hinsicht. Für alle. Ballack hat es geschossen. Wer sonst? Auf der Leinwand ist immer wieder zu sehen, wie er den Freistoß in ein wild zappelndes Netz haut. Ballack, dieser menschgewordene Adonis, dieses Bild von einem Mann, ein Halbgott in schwarz-rot-gold. Zumindest in diesem Augenblick. Musik von irgendwoher übertönt die Jubelschreie. „So sehen Sieger aus“, skandiert die Menge.

Public Viewing: die Letzte.
Das Spiel ist längst vorbei. Wir haben gewonnen. Wir sind im Viertelfinale. Ich weiß nicht, den wievielten Bierkrug ich in der Hand halte. Fahnen werden geschwenkt. Leute schreien und singen. Scheinwerfer beleuchten die Szene. Die Menge ist in Auflösung begriffen. Der Boden ist übersät mit Papierbechern und Fähnchen. Ich bin glücklich, weil Hunderte Kilometer entfernt 11 Männer ein Spiel gewonnen haben. Der Dicke hat mir versprochen, eine Karte für das Halbfinale zu besorgen. Draußen in unserem Stadion. Ich weiß jetzt, was die Massen dorthin treibt. Ich habe es ja selbst erlebt. In wenigen Tagen werde ich mit Abertausenden vor zwei, drei Leinwänden sitzen und der Realität nacheifern. Und die Welt wird für 90 Minuten - wenigstens - wieder in Ordnung sein. Public Viewing: ich habe verstanden.


(nw, 21.06.2008)