Pelle und ich sind unterwegs

Pelle und ich sind unterwegs. Die gewohnte Runde durch unser Viertel. Es hat zu regnen begonnen. Aber das kennen wir schon. Die vergangenen Tage waren grau in grau. Die Hauswände sind vollkommen durchnässt, die Farben ungewöhnlich dunkel. Laub schwimmt in den Pfützen. Der Boden ist manchmal gefährlich glatt.

Was, frage ich mich, wenn es nun immer weiter regnen würde, tage-, wochen-, monate-lang? Wenn der Himmel seine Poren nicht mehr schließen würde? Immer nur Bindfäden Stunde um Stunde. Und was, wenn es nicht nur anhaltend regnete, sondern auch ungemein heftig, viele Liter auf einen Quadratmeter? Wenn die Wetterfrösche am Abend bestens gelaunt, fast scherzhaft, ihre Hiobsbotschaften einem matten, kaum mehr aufnahmefähigem Fernsehvolk wortreich verkündeten: „gebietsweise lang anhaltend“ „örtlich mit Starkregen“ „eine Gewitterfront mit zehntausenden Blitzen“ „berichten wir wenn die Gefahr vorüber ist“. Dann zeigten sie mit ihren großen Wetterfrosch-Pfoten, helle Hände an braun gebrannten Armen, auf große Landkarten und strichen darüber gegen den Uhrzeigersinn, um wieder einmal die Drehrichtung eines Tiefs auch dem letzten Zuschauer anschaulich zu beschreiben. Eines Tiefs, das einfach nicht vom Fleck komme und sich in dieser oder jener Region festgesetzt habe.

Was, frage ich mich, wäre, wenn die Gullies (die von gedankenlosen Ignoranten auch zur Abfallentsorgung genutzt werden) keinen Tropfen mehr schluckten, sondern im Gegenteil alles ausspien, wie ein Magen-Darm-Kranker? Wenn die Abwässer in den Hauskellern ein Ventil suchten und fänden, wenn Exkremente und Lebensmittelvorräte zuerst die Keller und dann die ebenerdigen Geschosse überschwemmten? Wenn Menschen, wie von einer übergeordneten Macht angeordnet, mit großen Besen - jeder kehre vor seiner eigenen Tür - das eindringliche Wasser von ihren Eingängen weg kehrten – Sisyphus lässt grüßen - , und wenn dann Stunden später endlich Erschöpfung einträte und sich die von Anstrengung gezeichneten Körper in ein höheres Geschoss schleppten, um auf provisorisch aufgestellten Pritschen zur Ruhe zu kommen, was nicht gelänge, weil Angst in der Luft läge, sowie die bange Frage, ob die tragenden Partien des Hauses halten würden, was die Statiker einst (so ist zu hoffen) errechnet und vertraglich zugesagt hatten. Was also, wenn man befürchten müsste, dass einem vor lauter Regen der Himmel auf den Kopf oder das eigene Dach auf den Schädel fiele?

Und noch schlimmer. Was wäre, wenn man sich in nassem Ölzeug (trockenes gäbe es keines mehr) und löchrigen, für diesen Zweck nicht vorgesehenen Gummistiefeln endlich in das oberste Geschoss flüchtete, von wo aus man keine Häuser sondern nur mehr Dächer in einem großen See vorfinden würde? Und wenn man schließlich unter Einsatz seines an einem Faden hängenden Lebens auf einen Kamin kletterte und hoffte, dass dort verharrend aus der Luft (von wo auch sonst?) Rettung käme, dass man an ein Seil gehängt behutsam in schwindelnde Höhen aufstiege, was man, obwohl im wahren Leben kaum zu ertragen, in diesem Fall sogar genösse? Weh dem aber, den das Nass von den Dächern wegspülte und mitschleifte und mit dessen hilflosem Körper sein Spiel triebe (ein Spiel auf Tod nicht mehr auf Leben), bis er in einem reißenden Fluss endlich dem Meer entgegentriebe, dem Element von dem man sagt, dass in ihm das Leben begonnen habe. Und was, wenn es dort auch endete, das eigene und das Hunderter und Aberhunderter anderer Unglücklicher?

Pelle ist nass bis auf das Fell, ich bis auf die Haut. Wie zwei geschundene Kreaturen warten wir vor der Eingangstür, dass jemand öffnet. Pelle wird drinnen seinen Lieblingsknochen bekommen, ich werde mich in eine Wanne mit heißem Wasser legen. Dort werde ich die Tageszeitung studieren. Politik, ein wenig Sport, vielleicht das Feuilleton, ganz sicher aber: das Wetter.

(nw, 12.09.2014)