Der Riesenvogel

Es ist eine langgezogene, breite Brücke. Radwege an jeder Seite. In der Mitte: Bahnschienen. Die Brücke führt über ein Gewerbegebiet mit kleineren Produktionsstätten, mit Einzelhandel und Parkplätzen. Hier hat er gelegen, der Riesenvogel, bewegungslos, ich erinnere mich genau.

„Es ist etwas passiert!“

Ich sehe meinen Vater in seinem Arbeitszimmer, wie er am offenen Dachfenster steht, an einem sonnigen Tag, der Raum ist hell, da mit vielen Fenstern (Vater war ein Anhänger heller Räume). Am Boden die großen, beige-farbenen Fliesen, sein Arbeitstisch unter der Schräge mit massiver, riesiger Platte, gegenüber ein Stehpult und überall am Boden, auf dem Beistelltisch, auf jeder nur möglichen Ablage: Stapel von Papieren, Heften, Fachzeitschriften, lose Blätter. Vaters Prinzip: sich ausbreiten. Seine Ordnung (soweit man von ihr sprechen kann) ging eindeutig in die Breite. Das aktuell Wichtige fand er überraschend schnell, das weiter Zurückliegende, war seine Stärke nicht. Große Hektik, Selbstgespräche und ein Fluchen waren zu vernehmen, wenn wieder einmal die Steuer anstand, Versicherungen ‚vollkommen unsinnige‘ Unterlagen anforderten oder eine Behörde ‚absolut willkürliche‘ Abgabetermine festsetzte.

„Ein Flugzeug. Es könnte ein Flugzeug gewesen sein. Da hinten, schau!“

Das Dachfenster war weit nach oben aufgestellt, der Blick ging über die Dächer der Wohnsiedlung. Quietschende Schaukeln, Kindergeschrei, Rasenmäher: von hier oben nahm man die Dinge anders wahr. Wärme drang in das Dachzimmer. Und tatsächlich: weit hinten im Dunst über den Häusern stand eine Rauchsäule. Das war ungewöhnlich. Wenn ich daran zurückdenke, spüre ich es wieder, das Gefühl von Unsicherheit und Hilflosigkeit, welches das nach Orientierung suchende Kind empfunden hat. Was musste geschehen sein, wenn sogar Vater einer höheren Gewalt ausgeliefert war, die alles mit ihm, seinem Haus und seinem Arbeitszimmer hätte anstellen können? Das Zimmer hier oben, war sein Rückzugsgebiet, im wörtlichen Sinn. Wenn es ihm unten im Wohnbereich mit Frau und Kindern, mit Gästen oder dem ganzen Alltagskram zuviel wurde, zog er sich nach oben zurück, mit langsamen Schritten, Stufe für Stufe, Ledersohlen auf Stein, leiser werdend, ein wenig mühsam. Oben in seinem Reich, saß er auf dem dunkel gepolsterten, drehbaren Bürostuhl (Vater sparte nicht am Mobiliar), thronte zwischen Papierstapeln und ersten Monitoren, studierte die damals üblichen, meterlangen Papierausdrucke und machte Notizen. Vater war einer der ersten begeisterten Programmierer. Im Sommer, wo es unter dem Dach richtig heiß werden konnte, las er, in kurzer Hose, die Beine übereinander geschlagen, auf dem Drehstuhl lümmelnd, Fachzeitschriften. Auf dem Glas der Eingangstür, durch das man ihn schemenhaft ausmachen konnte, hing was ihn aktuell beschäftigte. Am Boden unter der Dachschräge ausgebreitet, lagen die Seiten eines neuen Lehrbuchs, an dem er gerade arbeitete.

„Zuerst ein Aufprall. Dann der Qualm. Wahrscheinlich war es ein Flugzeug.“

Später bin ich mit dem Rad zur Rauchsäule gefahren. Über Schaulust hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich wollte wissen, was geschehen war, ob Vater richtig lag mit seiner Vermutung. Es war die Zeit zwischen Schule und Ausbildung, die ich zuhause verbrachte, in der ich tun konnte, was immer ich wollte. Was verlockend klingt, war meist Einsamkeit, Langeweile, Sinnlosigkeit. Tatsächlich herrschte (irrsinnigerweise) Volksfeststimmung auf eben jener Brücke, auf der ich jetzt stehe. Weiß Gott, wo all die Leute herkamen, es muss zur Ferienzeit gewesen sein. Unten auf dem Parkplatz, neben einem Bürogebäude lag ein toter Vogel. Vom Himmel gefallen, nach einer Kollision mit einem Vogel anderer Nationalität. Zwei Kampfflugzeuge waren sich ins Gehege gekommen, in Friedenszeiten. Vor uns lag ein qualmendes, in sich verdrehtes, hässliches Stück Metall, erstaunlich klein aus nächster Nähe anzusehen, das zwei Menschen den Tod gebracht hatte. Ich erinnere mich an einen weiteren, sehr tieffliegenden Jet, ich glaube sogar die Piloten gesehen zu haben, die laut und scheinbar inspizierend – wie im Zeitraffer - die Szene durchflogen, um dann mit unglaublicher Geschwindigkeit anzuheben und davonzufliegen.

Heute, Jahrzehnte später, steht der Parkplatz wieder voller Karossen, das Bürogebäude ist zwischenzeitlich renoviert und aufgestockt. Nichts erinnert mehr an das eindrückliche Erlebnis eines heranwachsenden Jungen.

(nw, 25.09.2016)