Parallelwelten

S-Bahn, 23 Uhr, von Pforzheim nach Karlsruhe. Erstaunlich viel los für die Tageszeit. Meist junge Menschen. Vor mir: vier Jungens auf gegenüberliegenden Sitzen, daneben auf einer Sitzbank, liegend, ein junges Mädel. Bevorzugte Kleiderfarbe: schwarz.

Alle spielen das Gleiche: Handytippen. Jeder in seiner eigenen Welt. Manchmal ein spontaner Lacher, das Handy wird herumgereicht. Dann tippen sie weiter, wie emsige Bienen. Musik dröhnt aus einem Rucksack. Sie hält ihre Parallelwelt zusammen, ist Background für den ganzen Waggon: nicht laut, rhythmisch, erträglich. Das Mädel trägt einen kurzen Rock, spinnenartige Netzstrümpfe, die Beine herabhängend, ordinär gespreizt. Obenherum: eine Art Bikini, viel nackte Haut, am Hals Knutschflecken. Vielleicht auch Akne, das erkenne ich nicht aus der Entfernung. Wie weit sie mit der Gruppe verbandelt ist, ist unklar. Kommunikation mit den Herren der Schöpfung findet keine statt. Die Jungens mit ihren abgetragenen Shorts, verstochenen Beinen und Riesenlatschen hängen im weichen Polster, die Beine weit von sich gestreckt. Arsch zeigen, scheint nicht mehr angesagt, aber viel Metall. Auf den Lippen, in der Nase (autsch!), in den Ohren sowieso, bei dem Mädel in der Zungenspitze. Der Junge im Eck mit der Sonnenbrille (draußen ist es dunkel) hat die ganze Oberlippe getackert. Scheinbar sind Weichteile, also überall da wo es weh tut, genau der richtige Platz für diese Art von Schmuck. Ansonsten: Nietenkappe und Armbänder. Das Haar ist voll (klar: jugendlich) mit bunt eingefärbten Strähnen. Bevorzugte Farbe: grün aber auch blau. Alle vier Jungens im John-Lennon-Look: die Haare kreisrund ins Gesicht fallend. Einheitsgeschmack.

Sie sind friedlich (zum Glück), nicht laut oder aggressiv. Sie fahren ihrem Nachtprogramm (was in Wirklichkeit ihr Tag ist) entgegen. Sie organisieren sich in sozialen Netzwerken. Sie schaffen Mehrheiten über neue Kanäle. Sie teilen (sharen) alles nur Denkbare: Wohnung, Auto, Kleider, Essbares. Sie schauen nicht mehr fern, sie holen ihre Infos aus den Tiefen des Internets oder lassen sich berieseln. Sie entziehen sich unserer Art zu leben, gehen neue Wege. Sie sind, ohne es zu wissen, ein Experiment am lebenden Menschen, Ausgang ungewiss. Und sie werden eines Tages das alles hier übernehmen: die Wartung der Bahnen, ihre Fahrer, die Gäste, die Sitten und Regeln in ihrem Inneren, den Staat mit seinen Institutionen, die Kommunikation zwischen den Staaten, Entscheidungen über Krieg und Frieden.

Ich betrachte die bunten Haare, ihre Konzentration beim Handytippen, die nackte Haut des Mädels. War es nicht immer so, dass die Frühergeborenen den Jüngeren nichts zugetraut haben? Dass sie geklagt und sich gefragt haben, wie es weitergehen, wie es einmal werden soll?

Dann eine unscheinbare Haltestelle irgendwo auf dem Land. Aufbruch-stimmung. Die Türen fliegen auf. Schwarze Rucksäcke, viele Flaschen, Trubel, der ganze Wagen scheint sich zu entleeren, wie ein Darm oder eine Senftube („Alles muss raus“). Getrampel. Viel Gerede. Die Techno-Rhythmen entfernen sich. Irgendwann: Ruhe, schlagartig. Die Tür ist zugegangen. Ende der Parallelwelten. Der Fahrer wiederholt zum x-ten Male die automatische Ansage mit eigenen Worten. Dann fährt die Bahn weiter: in eine ungewisse Zukunft.


(nw, 09.08.2015)